Fundstück

Sie fiel, fiel, fiel.
Sie war frei, das sagte sie sich immer wieder, und trotzdem endeten ihre Gedanken in den gleichen Fragen, in denen sie früher schon geendet waren. Wie sollte sie so schnell auch ein anderes Denken lernen, dachte sie, Denkwege sind wie Straßen, gepflastert oder betoniert, unversehens ging man sie wie gewohnt, suchte bestenfalls eine bisher nicht wahrgenommene Abzweigung oder schlug sich einen kleinen Pfad nach links oder rechts ins Unbekannte. Ihr verzweigtes System aus Haupt- und Nebenstraßen, Gassen und Trampelpfaden, für ihr bisheriges Leben durchaus tauglich, erwieß sich nun als Falle, in der sich jeder Gedanke fing. So, dachte sie, würde alle Gegenwart und Zukunft nichts anderes hervorbringen als die ständige Wiederholung der Vergangenheit, was sie nur langweilen würde und ihr nicht helfen konnte. Geheimpfade, Schleichwege, unterirdische Gänge und Gebirgsgrate brauchte sie. Früher hatte sie solche Wege gekannt. Früher, das war ein Wort. Mit „früher“ begannen die prosaischen Märchen. Früher lag nicht soweit zurück wie Eswareinmal, es war auch nicht vorgestern. Also in der Zeit zwischen Eswareinmal und vorgestern war ihr Denken geheimnisvolle Wege gegangen.

(aus: Monika Maron – Die Überläuferin)

Sie fiel, fiel, fiel.

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